
Ermstäler Knorpelkirsche
Als vielseitige Charakterkirsche mit feinem Aroma hat sich die ‘Ermstäler Knorpelkirsche’ das Prädikat „Streuobstsorte des Jahres 2026“ redlich verdient. Derzeit erlebt die regionale Sorte von der Schwäbischen Alb eine kleine Renaissance. Das ist kein Zufall.
von LOGL, LRA Reutlingen erschienen am 01.01.2026Wer im Frühling durchs Ermstal (Landkreis Reutlingen) wandert, trifft auf hohe, lichtdurchflutete Kirschbäume mit breiten Kronen, die wie weiße duftende Wolken die Landschaft zieren. Zwischen ihnen wächst eine Sorte, die man nicht mit Massenware aus dem Supermarkt verwechseln kann, weder optisch noch im Geschmack – die ‘Ermstäler Knorpelkirsche’.
Ihre Früchte sind eher klein und fast schwarz. Dank ihres intensiven, vielschichtigen Aromas lassen sich aus ihnen allerlei Köstlichkeiten zubereiten. Die ‘Ermstäler Knorpelkirsche’ ist allerdings nicht nur ein kulinarisches Highlight, sondern auch ein lebendiges Zeugnis regionaler Obstbaukultur. Ihr Erhalt trägt wesentlich zur Biodiversität und zum kulturellen Erbe der Schwäbischen Alb bei.
Eine Kirsche mit Heimat
Die ‘Ermstäler Knorpelkirsche’ ist eng mit der Kulturlandschaft des Ermstals rund um Dettingen an der Erms verbunden. Hier wurde sie im 19. Jahrhundert selektiert und verbreitet. Von dort aus gelangte sie auf viele Streuobstwiesen der Region und wurde über Jahrzehnte zur typischen Kirsche an den sonnigen Hängen des Tals.
Kirschblüte und Kirschenernte waren lange fester Bestandteil des Dorflebens – von der Arbeit auf der Leiter bis zur gemeinsamen Verarbeitung in Küche und Brennerei. Die Bäuerinnen trugen sie in Körben auf dem Kopf zu den Märkten der umliegenden Dörfer und Städte.
Dass die Sorte heute wieder stärker ins Bewusstsein rückt, ist kein Zufall. Geschmack, Herkunft und handwerkliche Verarbeitung finden vielerorts wieder Beachtung.
Imposante Baumgestalt
Als klassischer Streuobstbaum eignet sich die ‘Ermstäler Knorpelkirsche’ für große Wiesen, Hanglagen und Streuobstflächen. Die Reifezeit liegt etwa in der 6.–7. Kirschwoche. Typisch sind Vollerträge in größeren Abständen, oft nur jedes zweite Jahr. Die Sorte kommt gut mit luftigen, sonnigen Hanglagen zurecht. Dort trocknen Blätter und Früchte nach Regen schneller ab, was Pilzkrankheiten vorbeugt.

Typische Merkmale sind:
- Stark wachsender Baum mit hoch strebenden Leitästen
- mit den Jahren eine breite, hochkugelige Krone, die hohe Bäume bildet
- späte Blüte – ein Plus in vielen Lagen, weil Spätfröste dann eher vermieden werden
- der Baum braucht einige Jahre, bis er voll trägt, dankt dann aber mit meist guten Ernten, wenn Standort und Pflege stimmen
- Die Früchte sitzen einzeln am Stiel, nicht in Büscheln. So trocknen sie nach einem Regen gut ab.
Aromatisch wie kaum eine andere
Optisch entspricht die ‘Ermstäler Knorpelkirsche’ nicht den gewohnten Vermarktungsnormen. Die Früchte sind eher klein bis mittelgroß und erreichen nur einen Durchmesser von etwa 25 mm. Ihre Farbe reicht bei Vollreife von dunkelrot bis fast schwarz. Ihr Inneres aber hat es in sich und macht sie bei Kennern beliebt. Das sehr feste, bissfeste Fruchtfleisch ist saftig und äußerst zuckerreich. Bezeichnend ist das intensive Kirscharoma mit feiner Mandelnote.
Für Genießerinnen und Genießer ist sie eine interessante Entdeckung. Ihr feiner, aber intensiver Geschmack bleibt auch nach dem Erhitzen und Trocknen gut erhalten. Das macht sie in der Küche zu einer erstaunlichen Allrounderin: Sie schmeckt frisch vom Baum gepflückt, als Konfitüre, Kompott oder Kirschgrütze. Darüber hinaus eignet sie sich ebenso für Kuchen, Strudel und süße Aufläufe wie für herzhafte Chutneys und Saucen. Beachtung findet sie zudem als Saft, Secco oder sortenreiner Kirschwein, getrocknet als aromatische Dörrkirsche und nicht zuletzt als erstklassige Brennkirsche für hochwertige Destillate.
Die Kombination aus Geschmack, regionaler Besonderheit und Vielseitigkeit in der Verwendung macht die ‘Ermstäler Knorpelkirsche’ zu einem würdigen Vertreter als Streuobstsorte des Jahres 2026. Bereits 2014 wurde sie als bisher einzige Kirschsorte in die „Arche des Geschmacks“ von Slow Food Deutschland aufgenommen – ein Zeichen für ihren besonderen kulturellen und kulinarischen Wert. Das Infoblatt zur Kirsche ist über die LOGL-Geschäftsstelle (Kontakt: info@logl-bw.de) erhältlich oder zum Download über die LOGL-Homepage (www.logl-bw.de > Themen > Streuobst > Streuobstsorte des Jahres).
Lieblingskirsche eines Ermstäler Obstbauern
Wenn Roland Lieb über die Kirsche spricht, dann leuchten seine Augen. Der 1958 geborene Landschaftspfleger und Obstbauer aus Dettingen an der Erms ist mit den Bäumen groß geworden – und mit ihnen auch seine Liebe zur ‘Ermstäler Knorpelkirsche’.
Seit seiner Kindheit spielte der Kirschanbau eine prägende Rolle in seinem Leben. Damals war die Ernte auf den Kirschwiesen seines Großvaters mühsam und zeitintensiv. „In meiner Kindheit war es eher ein Muss als ein Wollen, jedoch ist mit der Zeit die Liebe meiner Mutter zu den Kirschen auch auf mich übergegangen“, erinnert sich Lieb. Um die hochgewachsenen Bäume zu ernten, wurden Leitern mit bis zu 36 Sprossen benutzt, manchmal sogar noch eine kleinere Leiter oben angebunden, um auch die letzten Früchte zu erreichen.
Bis heute bewirtschaftet Lieb rund um Dettingen Streuobstwiesen. „In Dettingen Erms habe ich circa sieben Hektar Fläche und 60 bis 70 Prozent davon sind Kirschen“, erklärt er. Doch die Zeiten haben sich geändert. Während die Organisation der Ernte früher die größte Herausforderung war, sieht sich der Obstbau heute mit anderen Problemen konfrontiert. Der Klimawandel bringt unberechenbare Wetterlagen mit sich: Spätfröste können die Blüte zerstören, Hitzeperioden lassen die Früchte schneller reifen und erschweren die Pflege. Hinzu kommt die Kirschessigfliege, die sich in den letzten Jahren massiv verbreitet hat und die Früchte von innen zerstört.
In dieser Gemengelage bleibt die ‘Ermstäler Knorpelkirsche’ für den Kirschanbauer ein Symbol der Beständigkeit. Sie ist ihm besonders an Herz gewachsen. „Ich habe 15 bis 17 verschiedene Kirschsorten, doch die Ermstäler hat das beste Aroma“, ist er überzeugt. Der Geschmack sei unvergleichlich. Von Vorteil sind außerdem ihre Robustheit gegenüber Frost und ihre Platzfestigkeit. Die Pflege der hohen Bäume bleibt allerdings anspruchsvoll.
Eine kleine Renaissance
Bei der Kundschaft von Roland Lieb kommt die Kirsche trotz ihrer tiefroten Farbe leider nicht so gut an. Kenner lieben sie, von Neukunden jedoch wird sie ihrer geringeren Größe wegen nur ungern gekauft. Was Roland Lieb bedauert: „Ich kenne wenige Kirschen, die so vielfältig einsetzbar sind. Wegen ihres starken Aromas kann man alles mit ihr machen.“
Ungeachtet ihrer eher geringen Bekanntheit auf dem Markt wird die ‘Ermstäler Knorpelkirsche’ wieder in Baumschulen angeboten und erlebt damit eine kleine Renaissance. Roland Lieb sieht darin eine Chance. Für ihn ist die ‘Ermstäler Knorpelkirsche’ nicht nur eine Frucht, sondern ein Stück Identität des Ermstals. Sie verbindet Vergangenheit und Gegenwart, Kindheitserinnerungen und heutige Verantwortung.
Das besondere Aroma der ‘Ermstäler Knorpelkirsche’ lässt der Kreativität reichlich Spielraum. Hier kommt ein Vorschlag für eine herzhaft-fruchtige Verwendung – ein Kirschen-Chutney nach einer Rezeptidee von Roland Lieb. Diese vielseitiges Würz-Chutney, passt hervorragend zu Wildgerichten, Ziegenkäse und anderen würzigen Frischkäsesorten. Das Chutney verleiht auch Saucen eine besondere, fruchtig-scharfe Note.
Zutaten für mehrere kleine Gläser:
- ca. 1 kg entsteinte Ermstäler Knorpelkirschen
- ca. 600 ml Apfelsaft
- ca. 600 g Rohrzucker
- Koriandersamen, grob zerdrückt (etwa 2 EL)
- frischer Ingwer, fein gewürfelt (ca. 4 EL)
- 1 getrocknete Chilischote
- zusätzlich ½ frische Chilischote, entkernt und fein gewürfelt
- ca. 200 ml Apfelessig
- Saft von 2 Zitronen
Zubereitung:
- Karamell kochen: Rohrzucker in einem großen Topf schmelzen lassen, bis ein hellbraunes Karamell entsteht. Mit Apfelsaft ablöschen und gut rühren.
- Würzen und einkochen: Koriander, Ingwer und Chili zugeben und die Flüssigkeit einreduzieren, bis sie etwa auf die Hälfte eingekocht ist.
- Kirschen zugeben: Die entsteinten, grob pürierten Kirschen zusammen mit dem Apfelessig einrühren und alles bei mittlerer Hitze etwa 30 Minuten sanft köcheln lassen, bis eine sämige Chutney-Konsistenz erreicht ist.
- Abschmecken: Mit Zitronensaft abschmecken (je nach Geschmack mehr oder weniger) und eventuell mit etwas Zucker oder Essig feinjustieren.
- Heiß abfüllen: Das Chutney heiß in vorbereitete, saubere Gläser füllen, sofort verschließen und auskühlen lassen. Kühl und dunkel gelagert, hält es sich ungeöffnet viele Monate.










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