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Interview zum Tag der Streuobstwiese 2024

Wie ein Tag das Gemeinschaftsgefühl stärkt

Sophia Philipp und Hannes Bürckmann betreuen die Geschäftsstelle des Hochstamm Deutschland e. V. und organisieren den Tag der Streuobstwiese. Sophia Philipp wuchs mit Streuobst auf und forscht in ihrer Promotion zum Thema Verbraucher und Streuobst. Der Schwerpunkt von Hannes Bürckmann liegt in der Regionalentwicklung und -vermarktung. Im Gespräch mit BWagrar sprechen sie darüber, was der Tag der Streuobstwiese für die Zukunft des Streuobstes bringt.
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Sophia Philipp und Hannes Bürckmann betreuen die Geschäftsstelle des Hochstamm Deutschland e. V. und organisieren den Tag der Streuobstwiese.
Sophia Philipp und Hannes Bürckmann betreuen die Geschäftsstelle des Hochstamm Deutschland e. V. und organisieren den Tag der Streuobstwiese.Theresa Petsch
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Warum ist der Tag der Streuobstwiese wichtig?

Philipp: Zum einen, um Streuobst nach außen noch sichtbarer zu machen. Zum anderen ist der Tag innerhalb der Community wichtig, um ein größeres Netzwerk zu schaffen – auch über die Ländergrenzen hinweg. Und um zu zeigen: Es gibt viele Leute, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen. Ihr seid nicht alleine und ihr bewahrt ein Kulturerbe!

Das schafft sicher auch Kontakte?

Philipp: Ja. Wir haben jetzt schon im zweiten Jahr vorher eine Vernetzungsveranstaltung durchgeführt, um zu zeigen, was man an Aktionen machen kann. Die Aktionsanbieter sehen auch auf der europaweiten Aktionskarte, wo es interessante Kontakte gibt.

Der Tag ist also auch ein Anlass, zu überlegen, was man gemeinsam machen kann.

Bürckmann: Genau. Und natürlich werden die Medien stärker aufmerksam, wenn 200 Veranstaltungen in Deutschland oder 400 europaweit gleichzeitig zum selben Thema stattfinden.

Apropos: Es machen immer mehr Länder mit. Welche Nationen waren denn die ersten?

Bürckmann: Österreich, die Schweiz, England und Deutschland. Die Österreicher haben den Tag erfunden. Hans Hartl von der ARGE Streuobst rief bei mir im Februar 2021 an und sagte: „Hannes, heute ist Tag der Zahnbürste.“ Da hab ich gefragt: „Was willst du mir denn damit sagen?“ Und er: „Wir brauchen sowas für Streuobst. Ich hab jetzt festgelegt: der letzte Freitag im April. Macht ihr mit?“ Und wir haben mitgemacht.

Warum dieses Datum?

Bürckmann: Am letzten Freitag im April stehen wahrscheinlich in allen Regionen in Österreich die Bäume in der Blüte. Das passt auch für uns.

Wie läuft es bisher dieses Jahr?

Bürckmann: Wir hatten im März schon über 100 Veranstaltungen für Deutschland in der Karte. Das ist schon krass. Ich hätte nicht gedacht, dass das derartig explodiert. Letztes Jahr waren acht Staaten dabei. Ich hoffe, dass wir dieses Jahr auf zehn oder elf kommen.

Warum wollen so viele Menschen beim Tag der Streuobstwiese dabei sein?

Bürckmann: Right Time. Right place.

Warum ist jetzt die richtige Zeit dafür?

Bürckmann: Ich finde mit den spannendsten Punkt, dass Streuobsterhalt immer mehr eine Frage des kulturellen Erbes wird. Klar, für die Betriebe ist die Frage nach der Wirtschaftlichkeit immer wichtig. Aber warum sich Menschen für Streuobst interessieren, ist ganz stark eine kulturelle Frage. Nennen wir es kulturelle Ökosystemleistungen: Das beginnt beim Landschaftsbild.

Und setzt sich fort mit der Tradition und der Identifikation mit dem Wohnort.

Bürckmann: Genau. Im Rems-Murr-Kreis zum Beispiel hat jedes Dorf noch eine Kelter im Ort stehen. Die Briten haben es ganz krass mit ihren Traditionen. Da gibt es zum Beispiel dieses Wassailing auf dem Dorfanger, wo früher Obstbäume standen. Das ist ein Weihnachtsbrauch, bei dem mit Gesang, Tanz und Alkohol böse Geister von der Obstwiese vertrieben werden sollen. In der Normandie feiern sie die „Fête du sirop“. Da werden Äpfel 24 Stunden lang eingekocht. Das ist ein Dorffest: Alle schälen Äpfel, schneiden sie klein und wechseln sich ab, den Brabbel in großen Kupfertöpfen umzurühren.

Philipp: In Irland sind es die Klostergärten, wo die Bäume stehen. In Italien sind es riesige, alte Birnbäume von einer Sorte, die nur in einer bestimmten Region verbreitet sind.

Das kulturelle Erbe der Streuobstwiesen sieht also überall ein bisschen anders aus. Aber überall wollen die Menschen dafür sorgen, dass es nicht verschwindet. Ist es das?

Bürckmann: Ja. Aber für die Community ist auch das Wissen wichtig. Für jedes Tal hat irgendwann jemand eine Apfelsorte entwickelt. Und dann hatten irgendwann alle Bauern in diesem Tal diese eine Sorte, IHRE Talsorte. Das prägt Gesellschaft.

Der Hochstamm Deutschland e. V. hat inzwischen ein großes Netzwerk. Welche Rolle hat der Tag der Streuobstwiese dabei gespielt?

Bürckmann: Wenn Hans das nicht erfunden hätte, hätten wir den Tag erfinden müssen. Wir haben dadurch so viele Fachinfos, Ideen, Projekte und Anregungen gekriegt, über die wir jetzt im Newsletter berichten.

Zum Beispiel?

Bürckmann: Veranstaltungen. Bei den Briten hat Picknick auf der Streuobstwiese Tradition. Jetzt überlegt das Mostviertel in Österreich, 2025 dazu eine Leitaktion zu machen und möglichst viele in Europa zu einem Picknick auf der Streuobstwiese aufzurufen. Dann machen wir vielleicht mal 300 Picknicks auf der Streuobstwiese an einem Tag – vom Hadrianswall bis nach Sizilien und von Portugal bis nach Kasachstan.

Was konnte der Tag der Streuobstwiese schon bewegen?

Bürckmann: Ich habe das Gefühl, dass viele, die sich am Tag der Streuobstwiese mit Aktionen beteiligen, mehr Begeisterung für ihre Arbeit haben.

Hatten sie die vielleicht auch schon vorher und machen deswegen auch mit?

Bürckmann: Es ist beides. Also die, die daheim sitzen und den ganzen Tag maulen, wie schlecht die Welt ist, krieg ich auch mit dem Tag der Streuobstwiese nicht begeistert. Wir wollen nicht in Abrede stellen, dass alles schwierig ist. Aber es gibt auch die, die mit mehr Elan und Motivation rangehen. Wenn die eine Veranstaltung machen und dann merken, dass sie das nicht alleine machen, sondern gemeinsam mit 400 Veranstaltungen in Europa, sind die total begeistert.

Der erste Tag der Streuobstwiese hatte vermutlich noch andere Dimensionen. Wie hat sich die Veranstaltung seither verändert?

Bürckmann: Wir waren rasend naiv. Im ersten Jahr waren es nur 30 Veranstaltungen. Und dann kamen hinterher auf einmal ganz viele, die im nächsten Jahr auch mitmachen wollten. Dann haben wir mal schnell 'ne Homepage und ein Logo gemacht. Was sich am meisten verändert hat, ist, dass es uns schier überrollt. Wir müssen immer professioneller werden.

Wie sieht der Tag der Streuobstwiese in Zukunft aus?

Philipp: Wir wollen unser Netzwerk noch stärker nutzen und das Thema Kulturerbe noch mehr spielen.

Bürckmann: Das Thema immaterielles Kulturerbe zu vermarkten, ist uns lange schwergefallen. Aber wir merken, dass jetzt die Zeit reif dafür ist. Ich finde das spannend: Es können nicht viele Träger eines immateriellen Kulturerbes von sich behaupten, tatsächlich jeden Tag ein immaterielles Kulturerbe zu bearbeiten. Wer flößt denn heute noch Holz? Wer macht denn noch Blaudruck? Ich will das nicht gegeneinander ausspielen, aber es gibt nicht so viel immaterielles Kulturerbe, das noch in so einem Umfang praktisch angewendet und stetig weiterentwickelt wird.

Das also noch in einem verhältnismäßig guten Zustand ist.

Bürckmann: Ja und da ist die Frage: Bewahren wir Asche oder reichen wir Feuer weiter? Im Moment sind wir noch dabei, Feuer weiterzureichen. Es wird geforscht, die Praktiker arbeiten, es werden neue Versuche gemacht.

Wird dieses Bewusstsein dem Streuobst aus der Krise helfen?

Bürckmann: Das ist vielleicht ein kleiner Bau­stein. Es kann ein Zugangspunkt für Menschen sein, die vielleicht sonst keinen Zugang zu Streuobst finden. Aber es ist definitiv 'ne Auszeichnung für alle, die Streuobst bewirtschaften. Das ist Motivation und Wert­schätzung. Davon kann sich keiner was kaufen. Auch der Klimawandel lässt sich davon nicht aufhalten. Aber es gibt ganz viele Menschen – also die Gesellschaft – die sagen: „Das ist wertvoll, was ihr macht!“

Es geht also auch um ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Nehmen viele Aktionsanbieter am Tag der Streuobstwiese teil, weil sie die Wertschätzung steigern und Teil dieser Bewegung sein wollen?

Philipp: Auf jeden Fall. Wir haben eine Evaluierung gemacht, warum die Leute teilnehmen. Die meisten haben gesagt: wegen Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung.

Liegt dann die Zukunft von Streuobst im Fokus auf Kulturerbe und Naturschutz?

Beide: Nein.

Bürckmann: Irgendjemand muss für Streuobst bezahlen, sonst ist es weg. Das ist alles wichtig mit diesen immateriellen und kulturellen Leistungen. Aber der Erhalt durch Nutzung ist genauso wichtig. Das Ziel ist: Mehr Menschen müssen mehr Streuobstprodukte konsumieren. Dafür brauchen wir Aufmerksamkeit – zum Beispiel durch den Tag der Streuobstwiese oder das immaterielle Kulturerbe.

Einige sagen dem Streuobst derzeit eine eher düstere Zukunft voraus. Was meinen Sie: Können Verbraucher, die mehr Streuobstprodukte konsumieren, dieses Kulturgut retten?

Bürckmann: Es wäre sträflich naiv, wenn ich jetzt sagen würde: Wir kriegen alle 250.000 Hektar Streuobst durch einen wirtschaftlich rentablen Vermarktungsweg erhalten. Das ist, glaube ich, utopisch. Vor allem: Definiere erstmal wirtschaftlich rentabel – sind es 15, 20 oder 50 € für den Doppelzentner? Wir sind also nicht so naiv, zu sagen, wir können 100 Prozent der Streuobstwiesen durch Nutzung erhalten. Aber unser Ziel ist möglichst viel davon.

Philipp: Es gibt genug zum Jammern und Herausforderungen. Jeder, der Streuobst bewirtschaftet, sieht das. Aber es hilft ja auch nichts, zu jammern. Wir wollen zeigen, wo Lösungen sind.

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