Oligopole schwächen Resilienz
Anfang Februar begannen in Brüssel die abschließenden Trilog-Verhandlungen zum neuen EU-Saatgutrecht. Bereits jetzt beherrschen nur drei Konzerne (Bayer, Corteva und Syngenta) mehr als die Hälfte des globalen Saatgutmarkts. Das neue Saatgutrecht könnte diese Machtkonzentration weiter erhöhen, auch zu Lasten der Verbraucher:innen.
von Arche Noah erschienen am 06.02.2026Der weltweite kommerzielle Saatgutmarkt ist rund 50 Milliarden US-Dollar schwer, es dominieren Mais, Soja und Getreide. Der enge Fokus auf nur wenige Sorten und Arten macht unser Lebensmittelsystem krisenanfällig. Die neue EU-Verordnung über die Produktion und das Inverkehrbringen von Pflanzenvermehrungsmaterial könnte die Arbeit lokaler Produzent:innen unmöglich machen und die bedenkliche Situation mit Oligopolen in wesentlichen Bereichen der Landwirtschaft verstärken.
„Die großen Agrochemie-Konzerne wollen ihre Kontrolle über Saatgut und Lebensmittel ausbauen“, sagt Paul Grabenberger, Experte für Saatgutrecht bei ARCHE NOAH in Brüssel. „Die Landwirtschaftsminister:innen müssen dagegenhalten: Das neue Saatgutrecht muss die Diversifizierung des Saatgutmarkts sicherstellen! Vielfalt macht unser Lebensmittelsystem resilienter und erhöht unserer Unabhängigkeit.“
Die zypriotische Ratspräsidentschaft will die heute beginnende Trilog-Verhandlungen bis Mitte April 2026 abschließen. „Dieser Fahrplan von nur wenigen Wochen ist angesichts der unterschiedlichen Positionen kaum zu halten“, erklärt Paul Grabenberger von ARCHE NOAH. In wichtigen Grundsatzfragen – lokale Saatgutproduktion oder Rechte von Bäuer:innen – liegen das EU-Parlament und der Rat der Landwirtschaftsminister:innen weit auseinander.
Nur mehr Gemüse und Obst? Kein Getreide oder Kartoffel?
Ein Beispiel: Geht es nach den EU-Landwirtschaftsminister:innen sollen Züchter:innen künftig nur noch neue Vielfaltssorten von Obst und Gemüse verkaufen dürfen. Neue vielfältige Sorten von Getreide oder Kartoffeln wären verboten – zum Nachteil ländlicher Regionen und der menschlichen Gesundheit. Der Rat will auch eine der Grundlagen der heute existierenden Kulturpflanzenvielfalt verbieten: Bäuer:innen sollen in Zukunft Saatgut nicht mehr über Regionengrenzen hinweg weitergegeben dürfen. Ein Austausch auch nur von kleinen Mengen lokaler Sorten zwischen Tirol und Südtirol oder zwischen Salzburg und Bayern wäre somit illegal. Im Gegensatz dazu will das Parlament die bäuerliche Saatgutweitergabe ermöglichen und den Geltungsbereich der Verordnung auf kommerzielle Aktivitäten beschränken.
„Das EU-Parlament hat sich für eine lokale Saatgutwirtschaft und für bäuerliche Saatgut-Systeme ausgesprochen. Beides ist wichtig, um unsere Traditionen zu schützen und unsere Landwirtschaft zu stärken“, sagt Paul Grabenberger von ARCHE NOAH.
Entscheidende Wochen für die Ernährungssicherheit
In den kommenden Wochen werden sich die Verhandlungsteams von EU-Kommission, Parlament und dem Rat der Landwirtschaftsminister:innen fast wöchentlich treffen, um die endgültigen Vorschriften festzulegen. ARCHE NOAH fordert Ausnahmen für die Weitergabe von Saatgut zum Zweck der Erhaltung der landwirtschaftlichen Vielfalt sowie vernünftige Vorschriften für kleinere Betriebe.
Nach Abschluss des Trilogs muss der Gesetzestext vom Rat der Landwirtschaftsminister:innen und vom EU-Parlament endgültig beschlossen werden, bevor das neue Saatgutrecht drei Jahre später in Kraft tritt. „Der Rat hat im Dezember absurde Restriktionen für Bäuer:innen sowie für die lokale Saatgutproduktion in seine Verhandlungsposition aufgenommen. Im Trilog müssen die Landwirtschaftsminister:innen zu einem vernünftigen und fairen Kompromiss kommen“, fordert Paul Grabenberger von ARCHE NOAH. „Wir brauchen ein Saatgutrecht, das die landwirtschaftliche Vielfalt schützt, unseren Anspruch auf gesunde und vielfältige Lebensmittel sichert und die Rechte der Bäuer:innen respektiert.“

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